Meilensteine der Mittelformatfotografie:
Die Kowa Six und die Kowa Super 66

Nachdem Kowa bereits mit KB-Spiegelreflexkameras erfolgreich war, wurde 1968 die Kowa Six auf den Markt gebracht. Sie war mit 1398,- DM (mit Standardobjektiv) nur etwa halb so teuer wie das damalige Maß aller Dinge - die Hasselblad 500 C. Wenn ihr auch äußerlich die Eleganz der Hasselblad fehlte, konnte sie doch qualitativ mit ihrem großen Vorbild mithalten. Ihr Standardobjektiv 2,8/85 mm war dem Planar 2,8/80 absolut ebenbürtig, ihr Sucherbild war eine Wonne (hell und klar) und die Robustheit der Kamera kaum zu übertreffen.

Was der Kowa Six jedoch im Vergleich zur Hasselblad fehlte war das Wechselmagazin und umfangreiches Zubehör. Es wurden zunächst nur 3 Objektive angeboten: das 3,5/55, das 2,8/85 und das 3,5/150 mm. Das Weitwinkel und das Tele waren recht schwer (830 bzw. 920 g) und sie besaßen einen größeren Filterdurchmesser als das Standardobjektiv. Einige Jahre später wurden diese schweren Prachtobjektive durch leichtere Konstruktionen mit einheitlichem 67-mm-Filtergewinde ersetzt.

Die pfiffigen Kowa-Ingenieure modifizierten recht bald auch das Kameragehäuse. 1970 gab es bereits leichte Verbesserungen und mit dem Modell Kowa Six MM wurde eine Spiegelvorauslösung und Mehrfachbelichtung ermöglicht. 1973 konnte man bereits die Kowa Six II vorstellen, die endlich das ersehnte Wechselmagazin bot.

1974 gelang die Krönung mit der Kowa Super 66. Diese Kamera war meines Erachtens der damaligen Hasselblad technologisch überlegen. Sie bot eine bessere Filmführung, die innovativen L-Magazine ließen sich blitzschnell auswechseln (keine Magazinschieber erforderlich), durch ein neues Stoßdämpfer-Verfahren wurde die Erschütterung des Spiegelschlags nahezu vollständig absorbiert (was längere Belichtungszeiten aus der Hand ermöglichte und die Spiegelvorauslösung nahezu überflüssig machte).

Auch das Zubehör war derweil auf professionelles Niveau angewachsen. Es gab genügend Objektive - neben dem 2,8/85 mm Standardobjektiv neun weitere Objektive, wahlweise in Chrom oder Schwarz: 19 mm f/4.5, 35 mm f/4.5, 40 mm f/4.0, 55 mm f/3.5, 110 mm Makro f/5.6, 150 mm f/3.5, 200 mm f/4.5, 250 mm f/5.6 und 500 mm f/8.0, von 55 bis 250 mm alle mit 67er Filtergewinde. Kowa bot zudem 7 verschiedene Sucher mit dazu passenden Korrekturlinsen, 6 Einstellscheiben, 3 Handgriffe, 3 Magazine (für 4,5x6, 6x6 und Polaroid), Telekonverter, Mikroskop-Adapter, Zwischenringe und ein Balgengerät - also eigentlich alles, was ein Profi so brauchte.
Die Rollfilm-Magazine konnten sowohl für den 120er als auch für den 220er Film verwendet werden (einfache Umschaltung).

Diese fantastische Kowa Super 66 wurde 1975 für sagenhafte 1598,- DM (komplett mit Lichtschacht, Magazin und Objektiv 2,8/85) angeboten und war damit nur etwa halb so teuer wie die Hasselblad.

Doch für Kowa blieb der erhoffte Durchbruch weitgehend aus. Kowa hatte wohl erwartet, angesichts ihres Preis-Leistungsverhältnisses der Hasselblad große Marktanteile abringen zu können, was aber nur zögerlich gelang.

Das Image der Hasselblad war einfach zu mächtig. Zudem besaßen die meisten Profis bereits eine umfangreiche Hasselblad-Ausrüstung - warum also sollten sie umsteigen. Zwar wurden die Kowas bei den Amateuren ein Erfolg, doch wegen der niedrigen Verkaufspreise konnte die Kamera nicht mehr kostendeckend hergestellt werden und eine deutliche Preisanhebung hätte der Markt vielleicht nicht akzeptiert. Als dann noch Zenza Bronica mit der ETR (4,5x6 cm) eine günstige elektronisch gesteuerte handliche Mittelformatkamera mit Belichtungsautomatik-Prisma herausbrachte, haben die Kowa-Leute ihre wunderschöne Kamera leider aufgegeben. Vielleicht hätten sie doch besser ihre Preise angehoben, um wieder mit Gewinn arbeiten zu können - dieses Kamerasystem hätte ein Weiterbestehen wirklich verdient gehabt.

Wer in den Genuss der Kowa Super 66 kommen will, muss heute oft lange auf ein Kaufangebot warten. Bei ebay werden diese Kameras äußerst selten versteigert. Die Kamera arbeitet vollmechanisch und kommt ganz ohne Batterie aus - die Fette ihrer vollsynchronisierten Zentralverschluss-Objektive dürften in der Regel im Laufe der letzten drei oder vier Jahrzehnte etwas verharzt sein und damit die langen Zeiten (1/8 bis 1 sec) zu langsam ablaufen.

Ich besitze 2 Kowa Six und eine Kowa Super 66 (die ich mir 1978 neu gekauft habe). Nur bei dem gebraucht erworbenen Zweitgehäuse Kowa Six Baujahr 1968 trat bislang ein Schaden auf - es hakt ein wenig der Lichtschacht (Kowa hat den einige Jahre später durch eine bessere Konstruktion ersetzt). Bei meinen 7 Kowa-Objektiven sind die Zeiten im Bereich 1/8 bis 1 sec. ein wenig zu träge (1/15 bis 1/500 funktionieren aber einwandfrei). Wären die Objektive regelmäßig benutzt worden, wäre der Schaden vermutlich nicht aufgetreten.
Weil die Objektive vollmechanisch ablaufen, lassen sich die Verschlüsse auch von fremden Fachwerkstätten überholen, was pro Objektiv aber mindestens 200 Euro kosten dürfte. Die reparierten Objektive sollten eigentlich nicht mehr verharzen, da man heute andere Fette verwendet.
Aber im normalen Fotoalltag braucht man die langen Zeiten eh kaum, so dass eine Reparatur nicht unbedingt erforderlich ist.

Vorsicht beim Gebrauchtkauf: Alte Kameras werden heute meistens von Erben verhökert, die keinen blassen Schimmer von dem Gerät haben. Schon mehrfach habe ich auf Objektive und Kameras mit mechanischem Zentralverschluss geboten (Kowa und zweiäugige Rolleiflex) bei denen die Verkäufer ausdrücklich die Exaktheit des Verschlusses garantierten. Doch fast immer wurde ich enttäuscht - die langen Zeiten waren dann doch unbrauchbar, weil zu träge.
Um die Zeiten notdürftig zu kontrollieren, muss man schon die Rückwand öffnen und alle Zeiten auslösen. Dann sieht man schon, ob das einigermaßen hinhaut. Letzte Sicherheit gewinnt man nur durch einen Probe-Diafilm, den man mit allen Zeiten bei entsprechend veränderter Blende durchbelichtet.

Manfred Julius Müller, Flensburg

 

 

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